Blogs sind tot! Es lebe die Website.

29.08.2010

Zusammenfassung

Ich gebe es ja zu: Meine Website wurde von mir sträflich vernachlässigt. Als ich mit meiner Website 2007 begonnen habe, waren es noch 34 Artikel, 2008 nur noch 32, 2009 nur noch 10 und in diesem Jahr bislang nur 4. Ich habe aufgehört zu produzieren und bin nur noch dabei zu konsumieren.

Überall kann man es wispern hören: „Blogs ist tot“. Und wenn ich so durch meine Feeds schaue, stelle ich fest, dass an dieser Aussage eine Menge dran ist. Wobei ich zugeben muss, dass ich bloggen und Blogs nie sonderlich mochte. Denn Blogs hatten noch nie eine zufrieden stellende Informationsstruktur. Lange Tunnelseiten, auf denen die Artikel nach Veröffentlichungsdatum sortiert sind, obwohl für bestimmt die Hälfte der Artikel das Datum völlig irrelevant ist oder zu mindestens nicht von großer Bedeutung. Seite um Seite muss man auf dem Zeitstrahl zurück klicken, um den Informationsgehalt einer Seite zu überblicken. Und den zweispaltigen Aufbau konnte ich noch nie leiden: Links die Artikel aufgereiht und rechts eine belanglose Liste von Schlagworten oder die obligatorische „Blogroll“ mit Links zu Blogs, die eh nicht von Interesse sind. Eigentlich ist es also gar nicht so schlimm, dass nicht mehr so viel gebloggt wird.

Ich persönlich vermisse aber die Beiträge, Testberichte, Hinweise, Ratschläge und Tipps, die andere Personen früher geschrieben haben. Und ich vermisse das Persönliche. Bereits 2007 hat Nathan Borror in seinem Artikel „Bringing back the personal“ diesem Umstand einen Artikel gewidmet, der mich die letzten drei Jahre beschäftigt hat, während ich mir überlegt habe, ob und in welcher Form ich meine Website weiterführe. Nathan Borror schreibt, dass er es schade findet, dass es immer weniger Seiten gibt, die so liebevoll gestaltet sind, wie die Website von Chris Glass. Denn auch für mich war dies einer der Gründe, wieso ich eine Website abonniere oder regelmäßig besuche. Meiner Meinung nach sollte eine gute Website die Person, Entwicklung und das Leben des Besitzers wieder spiegeln – und zwar in Design, Text und Aufbau. Denn einen Hinweis oder Ratschlag von Personen, zu denen man eine persönliche Beziehung aufgebaut hat (selbst, wenn man sich vielleicht gar nicht oder nur flüchtig kennt), ist für uns weitaus relevanter, als von irgendeiner namenlosen Seite im Internet. Wir Menschen sind nun einmal soziale Wesen und vertrauen in erster Linie unserem Netzwerk.

Der Fluch des Microblogging

Doch leider ist es, seit Nathan Borror seinen Artikel geschrieben hat, meiner Meinung nach nicht besser geworden, sondern viel schlechter. Microblogging und Tumbleblogging haben die Informationen in kleinteilige Unwichtigkeiten zerstreut. Belanglosigkeiten, die für einen Moment Zerstreuung sorgen, aber wenig von wirklicher Bedeutung. Ich merke es ja selber an Pensum und Qualität meinem Publikationen.

Immer weniger publizieren wir selber, wir sind in einer Kultur des „Retweets“ angelangt. „Like“-Knöpfe finden sich auf vielen Websites. Sehr viele Designer haben ihre liebevoll gepflegten Websites in den letzten paar Jahren eingestampft und durch unpersönlichere Listen von Tipps ersetzt: Tumblr, Posterous, Facebook, GoogleBuzz, Twitter etc. Ich will die Dienste gar nicht verteufeln, viele davon haben nützliche Funktionen. Das Problem, das ich sehe ist nur: Wenn alle Personen nur noch fremde Inhalte weiterempfehlen und immer weniger Personen nützliche Inhalte selber erstellen, ist dies keine nachhaltige Vorgehensweise. Außerdem sinkt der Gehalt von Botschaften in Zeiten der 140 Zeichen langen Twitter-Meldungen rapide ab. Einen Teil der Schuld, dass ich weniger selber publiziere und erzeuge, liegt daher auf jeden Fall in dieser passiven Berieselung durch diverse Dienste, der ich mich täglich aussetze.

Und die Vielzahl dieser Dienste macht es unmöglich, wirklich noch mitzubekommen, was eine Person zu sagen hat. Viele publizieren ihre Inhalte in diversen Kanälen gleichzeitig, was maßlos nervt, wenn man mehr als einem Dienst einer Person folgt.

Die Qual von zu viel Wahl

Und außerdem zerteilt man so auch die Möglichkeiten, seine Leser zu erreichen: Ein Teil der Besucher liest verschiedene Feeds, ein Teil folgt auf Buzz, einige auf Twitter, andere folgen den GoogleReader-Feeds, manche mehreren Diensten. Ich selbst weiß oft nicht: „Wo soll ich das jetzt publizieren? Buzze ich es, dann lesen es so und so viele. Twittere ich es? Eigentlich würde ich gerne etwas mehr als 140 Zeichen dazu sagen. Publiziere ich es auf mehreren Kanälen parallel, dann nerve ich meine Follower“.

Wir haben einfach zu viel Wahl. Es gibt zahlreiche Studien, die belegen, dass eine große Auswahl negative Folgen auf das eigene Glücksgefühl und die Entscheidungsfindung hat.

Wer etwas lernt, kommt wieder

Meine am meisten abgerufenen Artikel sind immer noch die, in denen ich Dienste oder Arbeitsweisen vorstelle oder anderen etwas beibringe. Wie auch 37signals in ihrem Buch „Rework“ schreiben, ist die wirksamste Möglichkeit sich von seinen Mitbewerbern abzuheben, diese zu „outteachen“. Selbst meine relative dürftig gepflegte Kampfkunst-Website kogakure.de zeigt das deutlich. Ich bekomme mehre E-Mail pro Woche von Menschen, die mir begeistert ihr Herz ausschütten und mich mit Lob überhäufen, dass sie lange nach so einer Website gesucht hätten. Von jungen Kindern bis hin zu Menschen hohen Alters, auf der Suche nach Antworten bietet ihnen meine Website Lösungsansätze und Antworten. Und daher hat diese Website, die wirklich nur ein sehr enges Nischenthema behandelt, mehr als fünf Mal so viele Besucher, wie meine private Website.

Website 2.0

Ich habe lange über meine eigene Website nachgedacht. Welche Teile meiner Veröffentlichungen pflege ich selbst, welche lasse ich bei anderen Diensten liegen? Ein Großteil der Dienste bietet mittlerweile eine API, über die ich meine Inhalte auch in andere Medien einbinden kann. Doch eigentlich habe ich bei externen Diensten immer ein mulmiges Gefühl: „Wird es den Dienst nächstes Jahr noch geben? Was machen die mit meinen Daten? Werde ich eines Tages Geld bezahlen müsse, um meine Daten noch nutzen zu können? Werde ich meine Daten verlieren?“. Und wenn ich einen Teil meiner Lebenszeit opfere – sei es um auf einem Filmportal einen Film zu bewerten, den ich gesehen habe, oder ein Buch, dass ich lese zu rezensieren, einen Artikel oder ein Tutorial zu schreiben – so wäre es schlimm, wenn all meine Daten eines Tages verschwunden wären und ich mit der Meldung: „Leider mussten wir diesen Dienst einstellen“ vorlieb nehmen muss.

Daher bin ich zum Schluss gekommen, dass ich wieder mehr Zeit in meine Website investieren werde. Sicher werde ich einige Dienste, die einen wirklichen Nutzen für mich haben auch weiterverwenden, doch die wirklich wichtigen Dinge werde ich langsam nach Hause zurückholen. Einige Dienste werde ich vielleicht aus den externen Websites in meine Datenbank importieren, so dass ich diese auch im Fall einer Aufgabe des Dienstes nicht verliere. Welche Dienste das genau sein werden, muss ich mir noch überlegen. Von der Idee eines Streams bin ich jetzt abgekommen. Wer sich für meine Video-Empfehlungen interessiert, der folgt mir einfach auf YouTube, wer meine Fotos mag, der folgt mir auf Flickr, wer wissen will, was ich lese, der folgt mir auf Readernaut. Ob es einen wirklichen Mehrwert hat, diese Dienste auch in meine Website zu integrieren, bezweifle ich nämlich mittlerweile. Besonders wirklich wichtige Dinge – wie Artikel – schreibe ich aber nur noch in meinem System. Und eine Bereinigung bei meinen abonnierten Diensten ist auch mehr als überfällig.

Ich werde meine Website in der nächsten Zeit deshalb neu erstellen, und nehme dafür auch kein System von der Stange, sondern das Python-Webframework Django, mit dem ich schon sehr gute Erfahrungen gemacht habe. So kann meine Website zukünftig mit meinen Ideen wachsen. Eine neue Datenbank nach den eigenen Wünschen anzulegen, ist mit Django eine Frage von wenigen Minuten.

Und eine Website ist – besonders für Designer und Programmierer – der perfekte Ort, um die eigenen Gedanken zu formulieren und die eigenen Fähigkeiten zu verbessern. Dort kann ich neue jQuery-Techniken ausprobieren, bevor ich sie auf meine Kunden loslasse, dort teste ich CSS-Frameworks, Grid-Systeme, verbessere meine Fähigkeiten mit Servern, Caching, Versionskontrollsystemen und dem Terminal. Und ich will versuchen meine Lernprozesse mit meinen Besuchern zu teilen.

Zwar will ich mir eigentlich weniger Gedanken über meine Besucher machen, denn mag es auch egoistisch klingen, aber diese Website gehört mir und soll mich glücklich machen. Aber wenn meinen Besuchern gefällt, was ich schreibe und sie dabei auch etwas lernen können – um so besser. Doch primär soll die Website mir gefallen. Für andere arbeite ich schon bis zu zehn Stunden am Tag.

Was mir besonders wichtig bei meiner neuen Website ist: Die Daten sollen intern verknüpft sein, ich will die Funktionen einer semantischen Datenbank im Hintergrund wirklich nutzen. Ich habe zwar noch keinen Zeitplan, und eilig ist es mir auch nicht, aber hier wird sich bald einiges verändern.

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Portaitfoto von Stefan Imhoff

Ich bin Stefan Imhoff, Designer und Webentwickler, Kampfkünstler und Hobby-Philosoph. 1999 habe ich das Ninjutsu-Magazin kogakure.de entwickelt, das schon bei PRO7 (Galileo), RTL2 (Welt der Wunder) und in der P.M. erwähnt wurde. Ich wohne in Hamburg und interessiere mich für Webstandards, Zugänglichkeit von Websites, Django, Bücher, Kinofilme, CG, Apple, Design und noch zwei, drei andere Dinge. Mehr Informationen »

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