Die Schatzinsel bei Pro7

28.11.2007

Zusammenfassung

ProSieben sendete am 26./27. Oktober eine weitere Verfilmung von „Die Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson.

Ich hatte mich schon gefreut, weil die Trailer viel versprechend aussahen und Die Schatzinsel eines meiner Lieblingsbücher ist.

Leider wurden meine Erwartungen nicht nur nicht erfüllt, sondern schwer enttäuscht.

Sicherlich darf man in gewissen Zügen seine künstlerische Freiheit nutzen, doch bei derart starken Veränderungen der Lektüre sollte Schluss sein.

Primitive Dialoge führten bei mir zu diversen Zuckungen und dem Drang schneller zu spulen.

Die gröbsten Fehler

Der Arzt (Dr. Liversey) ist in ProSiebens Fassung primitiv, ungebildet und gierig, Christian Tramitz spielt den Squire Trelawney als dämlich grinsender Lord, Jim Hawkins ist aufmüpfig, dreist und ein Schwerenöter. Der Blinde Pew erwürgt Capt. Billy Bones kurzerhand, dafür fährt Der Schwarze Hund mit auf die Reise. Fein.

Die Drehbuchschreiber konnten der Versuchung nicht widerstehen, eine weibliche Nebenrolle einzubauen – wie hätte man denn sonst nackte Brüste unterbringen können? Diese Nebenrolle sollte also die angebliche Tochter von Flint sein, die sich an ihrem siebzehnten Geburtstag mit Ihrem Vater treffen will. Hier wurde das Skript etwas dünn, und aus den letzten Worten von Capt. Billy Bones kann man schließen, dass die Drehbuchschreiber wahrscheinlich Billy Bones mit Flint verwechselt haben.

Nicht nur das Jim, während er bei einer Hure liegt die Karte gestohlen wird, später zerreisst er sie sogar – woraus ein lächerliches Fang-die-Karte-Spiel wird. Die Piraten geben sich schon wenige Minuten nach dem Ablegen des Schiffs offensichtlich feindlich und fuchteln an Deck mit ihren Waffen herum.

Nach der Ankunft nehmen sie Jim als Geisel, doch kann er Ihnen entkommen und flieht in den Dschungel, wo er den vollkommen irren Guerilla-Krieger Ben Gunn findet, der Ihn fesselt und foltert.

Man erfährt, dass Flint seine Mannschaft getötet hat und Ben Gunn ausgesetzt hat, weil alle Piraten im großen Rudelbumsen über seine Frau drübergerutscht sind. Also: Jeder könnte der Vater sein (Huiui!).

Jim rudert später zwar an Bord, doch bleibt das Schiff in der Bucht liegen. Gab’s wohl nur Drehgenehmigung für eine Bucht, was?

Die Story endet extrem abstrus und blödsinnig, als der Schatz wird in den Bäumen hängend gefunden wird, und dann von Ben Gunn im Sumpf versenkt wird. Der Arzt kann es nicht lassen und versinkt aus Goldgier ebenfalls (Lara Croft: Tomb Raider – Die Wiege des Lebens lässt grüssen). Der Rest der überlebenden Mannschaft steht Nasepopelnd in der Gegend rum, aber warum sollte man auch so einem gierigen Kerl helfen…

Benn Gunn wird auf der Insel zurückgelassen (klar, der ist ja auch irre) und Silver und die Flints Tochter rudern in einer Nussschale in den Sonnenuntergang. Und wenn die Drehbuchautoren nicht gestorben sind, dann schreiben sie weiter solchen Mist.

Doch zum Abschluss will ich nicht auslassen auch ein paar lobende Worte zu lassen:

Die Besetzung ist (bis auf einige Ausnahmen) ziemlich gut, Ausstattung und Atmosphäre sind fantastisch. Besonders Tobias Moretti macht in meinen Augen eine gute Figur. Sicher mag die Interpretation von John Silver etwas frei sein, aber er spielt die Rolle meisterhaft. Jürgen Vogel spielt Israel Hands sehr glaubhaft, doch die Tätowierung hätte man sich sparen können.

Fazit

Es ist schön, wenn Buchstoff verfilmt wird, und niemand erwartet eine genaue Umsetzung, aber Veränderungen in solchem Maß sind nicht in Ordnung.

Die Schlüsselpunkte sind absolut tabu, dafür gehören die Drehbuchschreiberline über die Planke geschickt oder kielgeholt.

Ich finde es sehr bedenklich, wenn die Geschichte eines Buches derart stark verändert wird. So ist es auch schon in der Hollywoodverfilmung von Troja geschehen, als Paris überlebt und mit Helena fliehen kann, Ajax, Menelaos und Agamemnon hingegen getötet werden. Ein Wunder überhaupt, dass Brad Pitt als Archileus nicht überlebt. Wegen solchen falschen Darstellungen habe ich bis zur Lektüre von Frankenstein oder Der moderne Prometheus immer geglaubt, Franksteins Monster sei ein dummes, hässliches Monster mit zwei Schrauben im Kopf, das durch einen Blitz zum Leben erweckt wurde.

Eine ganze Generation von leseschwachen und lesemüden Jugendlichen lernt Klassische Werke auf diese Weise falsch kennen und glaubt womöglich sogar, das Buch dazu wäre falsch.

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Portaitfoto von Stefan Imhoff

Ich bin Stefan Imhoff, Designer und Webentwickler, Kampfkünstler und Hobby-Philosoph. 1999 habe ich das Ninjutsu-Magazin kogakure.de entwickelt, das schon bei PRO7 (Galileo), RTL2 (Welt der Wunder) und in der P.M. erwähnt wurde. Ich wohne in Hamburg und interessiere mich für Webstandards, Zugänglichkeit von Websites, Django, Bücher, Kinofilme, CG, Apple, Design und noch zwei, drei andere Dinge. Mehr Informationen »

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