Warum Google wave die Kommunikation verändern wird
30.05.2009
Zusammenfassung
Auf der Google I/O – der Google-Entwicklerkonferenz, die vom 27.-28. Mai 2009 im Moscone Center in San Franscisco stattfand – präsentierte Google ihre neuste, spektakuläre Entwicklung: Google wave.
Links in der Notiz
Die Brüder Lars und Jens Rasmussen, die auch schon für Google Maps federführend waren und die Projektmanagerin Stephanie Hannon präsentierten in einer fast eineinhalb-stündigen Konferenz das neue Produkt an dem seit 2007 gearbeitet wird.

Google wave wird von den Entwicklern als ein Personal Communication and Collaboration Tool beschrieben. Google wave soll viele Kommunikationsformen, wie z. B. E-Mail, Instant Messaging, Blogs, Wikis, Bulletin Boards, Dikussionsgruppen, Media-Sharing-Sites und kollaborative Editoren zusammenführen.
Die Idee ist nicht revolutionär oder neu, doch die Umsetzung wird es mit Sicherheit sein. Seit vielen Jahren gibt es schon diverse Ansätze, Webportale oder Softwareprodukte, die versuchen einzelne Funktionen zusammenzuführen, doch keiner der Anbieter hatte bislang das nötige Gewicht, für sein Produkt einen nennenswerten Marktanteil zu erlangen.
Google geht mit wave drei besonders wichtige Schritte:
- Veröffentlichung des gesamten Produktes, der Plattform und des Protokolls (PPP) als OpenSource
- Veröffentlichung eines vollständig neuen Protokolls zur Datenübertragung für Google wave
- frühes Einbinden von externen Entwicklern für die Programmierung von Erweiterungen
Kurze Zusammenfassung der Präsentation
Während der spannenden Präsentation, die man schon auf YouTube ansehen kann, wurden zahlreiche bereits implementierte Funktionen gezeigt:
Live Transmission
Texte, Bilder und andere Inhalte, die in einer wave erzeugt werden, werden bei allen Teilnehmern einer wave live aktualisiert. So werden Kommunikationsformen wie E-Mail und Instant Messaging mit einer neuen Technik ersetzt. Der Vorteil ist, dass die Konversation schneller abläuft, weil man keine Wartezeiten mehr hat, bis eine Nachricht übermittelt wurde. Die Textkonversation nähert sich so der richtigen Konversation an. Auf Wunsch wird natürlich für jede beliebige wave die Live-Aktualisierung zu deaktivieren sein.
Conversation History
Die komplette Geschichte einer wave wird aufgezeichnet, so dass eine Person, die erst später zu der Konversation hinzugefügt wurde dem Dialog folgen kann. Mit einer Navigation kann man sich alles Vergangene schnell anzeigen lassen. Dies ist besonders für kollaborative, kreative Prozesse von unschätzbarem Wert, da so auch später noch nachvollzogen werden kann, wie eine Idee entstanden ist. Es sollen auch noch Funktionen hinzukommen, die es ermöglichen, nur bestimmte Personen oder Teile eines Dokuments in der Historie nachzuverfolgen.
Private Reply
Es ist jederzeit möglich, innerhalb einer wave eine private Konversation mit beliebig vielen anderen Personen zu beginnen und so Dinge zu diskutieren, die nicht alle in einer Konversation betreffen (z. B. die Planung zum Kauf eines Geburtstagsgeschenks).
Attachments

Anhänge können einfach per Drag-and-Drop in eine wave gezogen werden. Derzeit ist dies die einzige Funktionalität, die von HTML5 noch nicht unterstützt wird, und für die Google Gears benötigt wird. Ein Antrag für Aufnahme in die HTML5-Spezifikationen wurde von Google schon vorgelegt.
Bilder, die man in eine wave zieht, erzeugen automatisch kleine Thumbnails, bevor sie überhaupt vollständig auf den Server geladen wurden. Bei allen anderen Teilnehmern erscheinen diese sofort. So lassen sich Fotoalben auf einfache Weise mit Freunden oder Familienangehörigen teilen.
Neue waves
Eine jede wave kann an beliebiger Stelle zu einer neuen wave konvertiert werden, die dann (ohne ihre Geschichte) privat weiterbearbeitet, publiziert oder in beliebiger Form weiterverarbeitet werden kann.
Diskussion/Kollaberation
Durch die sofortige Aktualisierung lässt sich Inhalt auf vielfältige Weise diskutieren oder gemeinsam bearbeiten. So wurden in der Demonstration z. B. die Fotos einer Fotogalerie gleichzeitig und gemeinsam benannt. Texte oder Passagen können geändert und kommentiert werden, und alle anderen Teilnehmer einer wave erfahren die Änderungen in grafischer Form (DIFF). Derzeit sind zwar nur textliche waves umgesetzt, aber nach Aussage der Entwickler gibt es überhaupt kein Problem andere Formen, wie Tabellenkalkulationen oder Präsentationen zu integrieren. In Planung ist auch schon die Funktion, waves wie in heutigen Versionskontrollsystemen miteinander zu verschmelzen (MERGE), so dass z. B. verschiedene Teams an verschiedenen Teilen einer wave arbeiten können und die Unterschiede hinterher wieder in einem Dokument zusammengeführt werden.
Mobile Funktionalität
Während der Präsentation wurden sowohl Google Android, als auch das iPhone mit Google wave präsentiert.
Wave Extensions
Am meisten warteten die rund 4.000 Entwickler der Google I/O auf den Bereich über Erweiterungen (Extensions) und Schnittstellen (APIs). Die Client-Site-Extensions werden ungefähr wie die Firefox-Extensions funktionierten, leicht mit einem Klick zu installieren, sogar direkt aus einer wave heraus.
Rechtschreibprüfung (Spelly)
Google wave ist mit einer starken Rechtschreibprüfung ausgestattet, die Kontextsensitiv funktioniert und schon während des Schreibens den Satz analysiert und korrigiert. So erkennt die Rechtschreibprüfung automatisch, was gemeint ist und ersetzt dies bei sicherer Analyse des Satzes automatisch, ansonsten wird das Wort unterstrichen und die Korrekturangebote sind der Wahrscheinlichkeit nach sortiert.
Suche (Searchy)
Google wave enthält auch eine Suchfunktion, die sehr schnell ist und live aktualisiert wird, sobald neuer passender Inhalt erzeugt wird.
Blog-/Kommentarfunktionen (Bloggy)
Die Entwickler präsentierten eine Erweiterung für Blogger, die das Einbetten einer wave in den eigenen Blog ermöglicht und die Kommentare im Blog ebenfalls als wave verwaltet. So hat man die Möglichkeit, allen Konversationen auf verschiedenen Blogs in einem Interface zu folgen.
Links (Linky)
URLs werden auf intelligente Weise automatisch zu Links umgewandelt, während man die Internetadresse tippt. Außerdem ist es möglich andere waves per Drag-and-Drop direkt als Verlinkung zu plazieren. Platzierte YouTube-Links können auf Wunsch direkt als Video in eine wave eingebettet werden.
Google Maps (Mappy)
Leicht können auch GoogleMaps in eine wave integriert werden, die dann gemeinsam mit Markern, Kommtaren oder Polygonen versehen werden können. In der Demonstration wurde so im Team ein Urlaubsort auf die schönsten Plätze hin besprochen und markiert.
Twitter (Tweety)
Auch der Microblogging-Dienst Twitter ist über eine Erweiterung kinderleicht zu integrieren. Es ist sogar möglich die Suche nach einem bestimmten Wort oder Schlagwort in Twitter direkt in einer wave aktualisieren zu lassen.
Bug Tracking (Buggy)
Entwickler dürfte besonders die Integration von Bug-Tracker-Tools interessieren, im Beispiel wurde schon der Google Bug-Tracker angebunden.
Live-Übersetzung (Rosy)
Ebenfalls integriert ist eine Erweiterung, die Texte einer wave live in eine andere Sprache übersetzt. In der Präsentation wurde eine französische Kommunikation ins englische übersetzt und umgekehrt in anderer Richtung.
External APIs
Es wird auch die Möglichkeit geben, mächtigere Erweiterungen zu programmieren, die aber einen wave-Server benötigen und serverseitig installiert werden. So wurden bei der Präsentation z. B. ein Abstimmungstool (Polly), einige Spiele (Schach, Sudoku) und ein Yes-No-Maybe-Gatget präsentiert. Bei dem Abstimmungstool bekommt der Erzeuger der Abstimmung eine Auswertung in Diagrammform, sobald die Teilnehmer abgestimmt haben.
Bis zum offizellen Start von Google wave später in diesem Jahr, werden die Entwickler bereits unzählige weitere Programme für wave entwickelt haben, die jeden nur erdenklichen Dienst mit digitaler Kommunikation integrieren wird.
Federation & eigene Clients
Durch seine offenen Schnittstellen nimmt Google schon im Vorweg alle sonst wieder hagelnde Kritik von seitens Datenschützern und anderer Skeptiker den Wind aus den Segeln.
Google ermutigt fremde Firmen den offen Programmcode zu verwenden, um eigene Clients und Applikationen zu programmieren, selbst wenn diese im Wettbewerb zu Google stehen. Google will offenkundig nicht die Technologie beherrschen, sondern lieber Geld mit den Möglichkeiten eines modernen Internets verdienen.
Jede Firma kann sich seinen eigenen wave-Client programmieren, es wird im Entwicklerpaket sogar eine Toolbox mitgeliefert, mit der man schnell starten kann (das Interface sieht dann so wie bei Google wave aus).
Zur Freude aller anwesenden Entwickler wurde sogar eine Kommandozeilenversion eines wave-Klienten präsentiert, die im Terminal von Mac OSX lief, weshalb es also auch nicht unwahrscheinlich ist, dass sogar IRC-Benutzer in Kürze Google wave benutzen werden, und eine Schnittstelle zu IRC programmiert werden wird.
Für den Benutzer ist aber vor allem eins wichtig: Die verschiedenen Programme können trotzdem miteinander kommunizieren, so wie dies auch bei E-Mail heute der Fall ist.
Besonders interessant ist auch für Firmen, dass keine Daten interner Kommunikation den firmeneigenen Server verlassen. Wenn also mehrere Mitarbeiter einer Firma über ein Projekt in einer wave diskutieren oder zusammen an geheimen Projekten arbeiten, so verlässt diese Kommunikation nicht die Server der Firma. Das freut auch den Sicherheitsexperten. Erst wenn eine externe Person ebenfalls in die wave integriert wird, werden die Daten auch mit dieser Person ausgetauscht.
Fazit
Es ist faszinierend sich vorzustellen, was alles in Zukunft dank dieser Technik möglich sein wird, egal ob dies das private oder berufliche Umfeld betrifft. Wave wird die Art, wie wir online kommunizieren auf eine neue Ebene heben.
Wave wird viele heutige Lösungen in sich assimilieren und dadurch eine Menge aktuelle Lösungen vernichten (E-Mail, Instant Messaging, Aggregationsportale, …), doch bin ich der Meinung das eine solche Marktbereinigung auch dringend nötig ist. Derzeit droht der moderne Mensch, der sich halbwegs auf dem Laufenden halten möchte, in einer Vielzahl von Diensten, Portalen, Protokollen und Kommunikationsformen zu ertrinken. Wave wird die Lösung dafür sein.
Andere Kommunikationsformen werden durch wave erst zu ihrer wahren Größe finden oder wiederbelebt werden (z. B. Diskussionsforen, Wikis, Blogs, Kommentare, …).
Dazu kommt meiner Meinung nach noch, dass nur eine einfache, leicht zu bedienende Lösung genügend Kraft hat, sich auf breiter Ebene durchzusetzen. Dank der Schnittstellen von Google wave ist es später somit egal, in welcher Lösung man seine Inhalte publiziert, weil jeder sie in wave zusammengeführt bekommt.
Heute scheitert doch schon das normale Publizieren der Urlaubsfotos, weil z. B. bestimmte Dienste mit Zugängen vorliegen müssen (z. B. flickr, Picasa etc.) damit auch die Oma die Urlaubsfotos sehen kann. Denn leider ist es heute aber nahezu unmöglich, auch nur im familiären Rahmen dafür zu sorgen, dass alle Personen einen Account irgend eines Dienstes haben, um sich private Daten ansehen zu können.
Und nach eigener Erfahrung scheitert der normale Internetbenutzer auch kläglich daran, nur einen POP3-Account auf seinem eigenen Computer einzurichten, weshalb Webmail sich so stark durchsetzen konnte (sehr vielen ist es sogar unbekannt, dass sie ihre E-Mails auch lokal in ein E-Mail-Programm laden können).
Da wave aber eine browerbasierende Lösung ist, die ein Protokoll wie das heutige E-Mail-Protokoll verwendet, steht einer großen Verbreitung kaum noch etwas im Weg. Welchen Anbieter der einzelne später verwendet, kann somit egal sein, solange die gleiche Technik im Hintergrund arbeitet.
Lediglich die alten Browser von Microsoft werden den Sprung ins neue Zeitalter wohl nicht überleben. Microsoft wird nur zwei Möglichkeiten haben: einen modernen Browser zu entwickeln, der auch HTML5 unterstützt oder sich nach und nach aus dem Internetgeschäft zurückzuziehen. Ignorieren können sie das neue Protokoll jedenfalls nicht ungestraft.
Während der Präsentation lief Google wave übrigens sowohl in Google Chrome, Safari als auch Firefox.
Wave ist jedenfalls so revolutionär, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit in kurzer Zeit genügend Marktpräsenz bekommen wird, was die die Art wie wir online Kommunizieren grundlegend verändert wird.
