Widerlegung einer unwissenschaftlichen Dokumentation

Stefan Imhoff

Von Zeit zu Zeit begegne ich seltsamen Zeitgenossen, die davon überzeugt sind, dass eine bestimmte Sache etwas Mysteriöses, Magisches oder Unerklärliches an sich hat.

Ob es sich dabei um historische Bauten, Kulturen, evolutionsbiologische Erkenntnisse, Aliens oder ähnliche Dinge handelt, ist dabei eigentlich zweitrangig.

Manche Personen, wie z. B. Erich von Däniken, haben ihr ganzes Leben solchen wirren Theorien gewidmet. Anstatt eine Sache mit wissenschaftlicher Genauigkeit zu untersuchen und zu hinterfragen, werden Theorien über völlig unglaubwürdige Vermutungen und Geschichten erdacht, Parallelen zwischen Kulturen oder über Zeiten und Räume hinweg gezogen.

Kein antiker Raumfahrer, sondern der Maya-König K'inich Janaab' Pakal im Augenblick seines Todes. Im Hintergrund der Weltenbaum und die Unterwelt unter ihm.

Wenn einzelne Dinge aus ihrem Kontext gerissen werden, klingt elektrisches Licht im alten Ägypten, Ufolandeplattformen auf antiken Bauwerken, Bilder von uralten Raumfahrern, Besuche von übermächtigen Wesen aus dem Weltall plötzlich als die einzig plausible Lösung für wissenschaftliche Fragen.

Durch Zufall wurde ich kürzlich mal wieder auf ein unglaubliches und fantastisches Video hingewiesen, was die Wahrheit über ein uraltes Geheimnis aufdecken würde, das in den Pyramiden dieser Welt hinterlegt wäre und auf das Ende der Welt hinweisen würde.

Die Dokumentation war auch professionell gemacht und ca. eineinhalb Stunden lang. Erst wollte ich gar nicht in die Dokumentation hineinschauen, da ich sie für unseriös hielt, doch dann schaute ich wenigstens abschnittsweise und spulend hinein.

Wie erwartet wurde in diesem Film versucht alle Pyramiden in Verbindung zu setzen und es wurden sogar ominöse Verbindungslinien durch einige Pyramiden gezogen und daraus abgeleitet es gäbe einen Kalender der auf das Weltende hinweisen würde.

Dramatische Musik, Kamerafahrten durch antike Bauwerke, ein dramatischer Sprecher, ein reisserischer Titel und Experten im Interview. Die Elemente einer Pseudo-Doku.

Ancient Aliens Debunked

Bei meinen Recherchen, wer den Film produziert hatte – irgendeine dubiose, französische Firma – fand ich einen viel interessanteren Film: Ancient Aliens Debunked.

In dieser 3-stündigen Dokumentation beweisen die Autoren anhand von vielen, klaren und wissenschaftlichen Beispielen, dass die Serienreihe Ancient Aliens, die in den USA seit 2009 sehr erfolgreich und mit guten Bewertungen läuft, ein riesiger Beschiss ist. Ich habe selten in so kurzer Zeit so viel Geschichtliches gelernt, wie in diesem Film: Es werden verschiedenste mystische Bauwerke, Kunstwerke und Schriften genau beleuchtet und im Video werden zu jedem Objekt Zahlen eingeblendet, anhand denen auf der dazugehörigen Website alle Quellen genau überprüft werden können. Jede noch so kleine Lüge und Behauptung wird vollkommen demaskiert und die „Wissenschaftler“ von Ancient Aliens (z. B. auch Erich von Däniken) werden bloßgestellt. Sehr lustig anzuschauen und die Zeit auf jeden Fall wert, da man so das kritische Denken schulen kann.

Denkfehler der Kognitionspsychologie

In dieser Dokumentation kann man gut einige psychologische Denkfehler beobachten und studieren, denen die Wissenschaftler von Ancient Aliens zum Opfer fallen.

Confirmation Bias

So lässt sich durchgehend Confirmation Bias (Betätigungsfehler) beobachten, die Autoren von Ancient Aliens ignorieren einfach alle Informationen, die nicht ihrer These von einer Besiedlung der Erde durch Aliens entsprechen. So gehen die Autoren von Ancient Aliens davon aus, dass die antike Stadt Baalbek eine Landeplattform für Ufos war, da die eingesetzten Steine so massiv sind, dass sie Menschen angeblich niemals hätten bewegen können. Anstatt also z. B. die Geologie der Region zu untersuchen und zu erkennen, dass das Sediment instabil ist und Bodenerosion ein großes Problem, und die Steine als Rückhaltemauer dienen, wird einfach ignoriert.

Ein weiteres, interessantes Beispiel ist z. B. die Entdeckung der Maya. Als die ersten Städte im 19. und 20. Jahrhundert im Dschungel entdeckt wurden, waren viele Wissenschaftler so sehr voreingenommen vom Gedanken an den edlen Wilden, dass sich dieser Mythos bis Mitte des 20. Jahrhunderts hielt. Einige Mayaforscher weigerten sich bis zu ihrem Tod, die neuen Erkenntnisse zu akzeptieren. Die Wandbilder mit Darstellungen von Krieg und Gräultaten waren auch früher schon gefunden worden, doch wurden sie anders interpretiert oder einfach ignoriert.

Heute wissen wir, dass die Maya ein sehr kriegerisches Volk waren, die ihren Gegnern und Gefangenen grausames zufügten (z. B. Fingernägel ausreisen oder zu Bällen verschnüren und die Treppen hinunterzustoßen), die Natur gnadenlos ausbeuteten und am Ende durch exessiven Krieg und erschöpfte Ressourcen untergingen. Aber der Mythos vom weisen und edlen Sternenbeobachter, der in bunten Federn gekleidet Städte aus dem Dschungel wachsen lies, hört sich natürlich sehr schön an.

Texas Sharpshooter Fallacy

Ebenfalls unterliegen die Wissenschaftler von Ancient Aliens diesem Denkfehler. Die Texas Sharpshooter Fallacy besagt, dass wir dazu neigen Muster zu erkennen und den Zufall zu ignorieren.

Man lernt z. B. eine Person kennen und hört, dass diese auch einen bestimmten Film, Buch oder Sport mag. Sofort wird unser Gehirn aktiv und verbindet diese Gemeinsamkeiten und lässt uns glauben, wir wären der Person näher, auch wenn das Buch auch zehntausende andere Personen gelesen haben und dies möglicherweise gar nichts bedeutet.

In der zuerst erwähnten Dokumentation wurde versucht, aus der Tatsache, dass sich in vielen Kulturen pyramidenähnliche Bauwerke finden, ein Muster und somit einen gemeinsamen Ursprung herzuleiten (Aliens). Das dies aber rein zufällig ist, und leicht zu erklären, wird einfach ignoriert. Die Pyramiden sind völlig verschiedener Bauweise und haben unterschiedliche Funktionen. Einige dienen als Grabkammer, andere für rituelle Zwecke.

Die chinesischen Pyramiden sind nicht aus Stein gebaut, sondern Grabhügel aus Erde. Menschen haben schon immer versucht, den Göttern näherzukommen und künstliche Hügel und hohe Bauwerke zu errichten. Die Pyramidenform ist einfach die stabilste Form für ein Bauwerk.

Bei den Maya lässt sich diese Entwicklung sogar geschichtlich nachweisen: Die ersten dieser Bauwerke waren einfach leicht erhöhte Erdhügel, auf die einige wenige Stufen führten. Jeder Herrscher versuchte seinen Vorgänger in Pracht und Macht zu übertreffen. Daher wurden die Tempel der Vorgänger rituell getötet, in dem sie mit Kalk überzogen wurden. Danach wurde ein noch größerer Tempel darüber errichtet. Auf diese weiße wurden aus den Tempeln im Laufe der Zeit hohe Bauwerke. Diese Schichten lassen sich heute noch nachweisen.

Buchempfehlungen

Es gibt noch mehr Beispiele in Ancient Aliens, wie z. B. die Straw Man Fallacy, die sogar direkt von den Produzenten der Dokumentation erwähnt wird. Wer mehr über unser Gehirn wissen möchte, dem empfehle ich diese beiden Bücher:

Beide Bücher erklären, warum unser Gehirn so funktionert, wie es ist und wo dessen Schwächen liegen. Nach dem Studium dieser Bücher wird man zwar nicht immun gegen diese, aber kann möglicherweise hin und wieder in sich selbst oder bei anderen erkennen, wenn das Gehirn auf einen der untersuchten Denkfehler hereinfällt.

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